{"id":356,"date":"2013-05-15T12:12:03","date_gmt":"2013-05-15T10:12:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/?p=356"},"modified":"2013-05-15T12:16:44","modified_gmt":"2013-05-15T10:16:44","slug":"bilder-prinzipien-techniken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/allgemein\/bilder-prinzipien-techniken\/","title":{"rendered":"Bilder, Prinzipien, Techniken"},"content":{"rendered":"<p>Kampfkunst wird heutzutage als eine Sammlung von Techniken gesehen, die man einstudieren muss um sie bei Bedarf abzurufen und in einer bestimmten Situation einzusetzen. Kampf wird so quasi zu einem Frage-Antwort-Spiel: Wenn der Angreifer Technik a) macht, kann ich mit Technik c), d), x) oder y) kontern.<\/p>\n<p>Ein solches System baut auf bewusster Anwendung von Bewegungen auf, das hei\u00dft mein Bewusstsein entscheidet sich f\u00fcr eine Technik und gibt dem K\u00f6rper Anweisungen die Bewegungen auszuf\u00fchren. Ohne jetzt weiter ins Detail gehen zu wollen kann man sagen, dass es sich um eine kortikale (von der Gro\u00dfhirnrinde ausgehende) Art der Bewegung handelt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch muss also immer bewusst entscheiden welche Technik ich machen will, da eine Bewegung an eine konkrete Anwendung in meinem Gehirn gekoppelt ist (\u201eWenn er den Arm so und so h\u00e4lt kann ich die und die Technik machen\u201c). Selbst wenn die Bewegung einer \u201eTechnik\u201c so lange verinnerlicht wurde, dass sie unterbewusst (im Striatum) abgelegt wurde, wird sie nur abgerufen, wenn bestimmte, konkrete, Vorgaben eintreffen (z. B. \u201eArm in der und der Position\u201c).<\/p>\n<h1>Unterbewusste Zentren<\/h1>\n<p>Bewegungen \u00fcber abstrakte Bilder (Qi) und emotionale Verkn\u00fcpfungen zu lernen setzt auf einer ganz anderen Ebene an. Ich aktiviere unterbewusste Zentren wie den Nucleus accumbens, das limbische System, die Formatio reticularis (und dadurch das vegetative Nervensystem), das ARAS und schaffe die Verbindung zu den Basalganglien und damit der Motorik.<\/p>\n<p>Sicher wird eine Bewegung immer noch kortikal gesteuert (ich \u201edenke\u201c diese Bilder ja bewusst), aber sie ist abstrakt abgelegt. Bilder sind die Grundlage f\u00fcr Prinzipien der Bewegung (z.B. \u201efallenlassen des Zentrums\u201c und \u201eAufh\u00e4ngen der Wirbels\u00e4ule\u201c). Dadurch dass ich dem K\u00f6rper also nur gewisse \u201eRahmenbedingungen\u201c gebe, lasse ich ihn den Rest so machen, wie es f\u00fcr ihn am effektivsten ist.<\/p>\n<p>Dies erfordert einen entspannten, lockeren, K\u00f6rper mit einer gesunden Statik. Ich muss \u00fcber die Bilder lernen Verspannungen zu l\u00f6sen und zu gro\u00dfe Muskelspannungen zu reduzieren. Eine Methode, die weitl\u00e4ufig auch im Westen angewandt wird (z.B. Feldenkrais- und Alexandermethode).<\/p>\n<p>Die Gesundheits\u00fcbungen der chinesischen System (die \u201estehende S\u00e4ule\u201c und die zig anderen Qigongsysteme) machen sich genau dieses zu nutze. Die \u00dcbungen sind uralt (weit \u00fcber 2000 Jahre) und entstammen den schamanistischen Traditionen Zentralasiens aus denen der Daoismus (und daraus auch sp\u00e4ter der Zen-Buddhismus) hervorgegangen ist. Auch die verschiedenen Yogatraditionen haben dort ihren gemeinsamen Ursprung, was man an den recht \u00e4hnlichen Bildern sehen kann.<\/p>\n<h1>Abstrakte Bilder<\/h1>\n<p>Abstrakte Bilder sind nun die Grundlage f\u00fcr einen entspannten, funktionalen, K\u00f6rper und einen entspannten Geist. \u00dcber diese Bilder leite ich Bewegungen ein, die grundlegende Prinzipien haben (Zentrumsrotation und \u2013translation, Ausrichtung der Wirbels\u00e4ule, Koordinierung der Atmung mit der Bewegung).<\/p>\n<p>Die Erweiterung dieser Bilder f\u00fchrt dann zu grundlegenden Anwendungen im Kampf. Ich lerne \u00fcber diese Bilder \u201eanhaften\u201c, \u201edr\u00fccken\u201c, \u201eziehen\u201c, \u201eumleiten\u201c, \u201ef\u00fcllen\u201c, \u201eleeren\u201c, \u201eexplodieren\u201c und noch vieles mehr. Diese abstrakten Bilder (ich \u201edr\u00fccke\u201c, \u201eziehe\u201c etc. nicht den Gegner sondern ein Bild im Gegner) kann ich durch alle m\u00f6glichen Bewegungen zur Anwendung bringen.<\/p>\n<p>Jetzt kommen wir zu dem, was die Kampfk\u00fcnste erst einmal unterscheidet: Die grundlegenden Komplexbewegungen. Jedes System hat ein gewisses Grundrepertoire an Bewegungen und Handhaltungen, die auf die unterschiedlichsten Arten gelehrt werden (z.B. Handhaltungen im Bagua, \u201eF\u00e4uste\/Formen\u201c im Xingyi und die unterschiedlichsten Formen, Kata, der Kampfk\u00fcnste). Im Karate hat Itosu Anko diese grundlegenden Bewegungsformen in seinem Kihon zusammengefasst, indem er sie aus alten \u00dcbungsformen extrahierte.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich lehren die Kampfk\u00fcnste noch die Prinzipien des Werfens, W\u00fcrgens und Greifens, die jedoch eng mit der Lehre der Anatomie des menschlichen K\u00f6rpers verbunden sind. Wenn man einmal verstanden hat wie der menschliche K\u00f6rper aufgebaut ist und wie man Gelenke blockiert, dann wei\u00df man auch, wie man den K\u00f6rper verletzen kann. Die Bilder verbinden dann dieses Wissen zur Anwendung.<\/p>\n<p>Ich werfe zum Beispiel einen Gegner nicht bewusst mit einem Wurf, sondern mein K\u00f6rper realisiert, dass das Zentrum meines Gegners gest\u00f6rt ist und ich ihn werfen kann. Durch die Bilder realisiert mein K\u00f6rper (unterbewusst) die Kraftketten im gegnerischen K\u00f6rper, st\u00f6rt, bzw. stellt ihn so, dass ich einen \u201eO-Soto-Gari\u201c machen kann bei dem ich ihm das Genick breche. Reagiert mein Gegner auf meine Bewegungen, wechselt mein K\u00f6rper instinktiv zu einem Uki-goshi (um bei der Judoterminologie zu bleiben, ist ja schlie\u00dflich auch ein Judo-Blog). Das Bild in meinem Kopf bleibt jedoch gleich, sogar die Komplexbewegung \u00e4ndert sich nur unwesentlich.<\/p>\n<h1>Wie sind also Bilder und Prinzipien verkn\u00fcpft?<\/h1>\n<p>Bilder bilden die Grundlage f\u00fcr Bewegungsprinzipien und einen \u201efunktionalen\u201c K\u00f6rper. Eine kleine Erweiterung dieser Bilder f\u00fchrt zu den grundlegenden Kampfprinzipien. Zus\u00e4tzlich gibt es das Wissen um die Anatomie des menschlichen K\u00f6rpers und seine Funktionsweise. Daraus lassen sich die Prinzipien des Schlagens, Tretens, Werfens und Greifens ableiten, wobei jeder Schlag und Tritt auch ein Wurf oder Griff werden kann.<\/p>\n<p>Kombiniert werden diese Bilder und Prinzipien mit grundlegenden Bewegungsmustern.<br \/>\nEin von mir mehr als geachteter Bagua und Yiquan Lehrer formulierte es sinngem\u00e4\u00df mal so:<\/p>\n<blockquote><p>Prinzipien sind wie Samen und Techniken wie B\u00e4ume. Ich kann einen ganzen Wald in meiner Faust halten, wenn ich \u00fcber Prinzipen lehre\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Beitrag kann nat\u00fcrlich nur ein grober \u00dcberblick \u00fcber das Lehrsystem mit Bildern und Prinzipien sein. Vieles in dem Text bleibt den Lesern wahrscheinlich unklar oder zu abstrakt, bzw. \u201eesoterisch\u201c. Die genaue Umsetzung dieses Konzeptes kann man jedoch nur \u201eauf der Matte\u201c zeigen, da man die Effekte, die die Bilder ausl\u00f6sen, sp\u00fcren muss, um sie zu verstehen.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil dieser Arbeit findet, wie man sich denken kann, im Kopf statt. Kampfkunst ist somit f\u00fcr mich \u201eDenken in entspannter Bewegung\u201c. Ein solches Arbeiten mit dem K\u00f6rper und Geist wirkt sich auch auf andere Teile des Lebens aus, da die oben erw\u00e4hnten, unterbewussten, Hirnzentren vielf\u00e4ltige Aufgaben haben und gerade die emotionale Verkn\u00fcpfung stark an unserem Bewusstsein mitwirkt.<\/p>\n<p>Die Bilder, die in der Kampfkunst genutzt werden, werden so auch in verschiedenen Meditationslinien genutzt (sie kommen ja aus den schamanistischen Traditionen) und k\u00f6nnen somit auch psychische Wachstums- und Heilungsvorg\u00e4nge beeinflussen. Ein Vorgang namens LTP (long-term-potentation) sorgt daf\u00fcr, dass im Gehirn Verschaltungen geschaffen und verst\u00e4rkt werden, wenn man sie oft und kontinuierlich nutzt. Das Arbeiten \u00fcber Bilder verst\u00e4rkt eben genau diese Verschaltungen im Gehirn zwischen den verschiedenen emotionalen Zentren und dem K\u00f6rper. Mein Bewusstsein bekommt quasi \u00fcber die Bilderarbeit mit dem K\u00f6rper eine st\u00e4rkere Verbindung zu meinem Unterbewusstsein. Dieser verst\u00e4rkte Zugang wirkt sich jedoch auch abseits des Kampfkunsttrainings auf uns aus und beeinflusst uns.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der Weg zum innersten Kern unseres Seins f\u00fchrt nicht an unseren tiefsten \u00c4ngste und Emotionen vorbei, sondern mitten in sie hinein und hindurch.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Kampfkunst konfrontiert uns mit unseren \u00c4ngsten, mit unserer Wut und kann uns lehren sie mit Liebe anzunehmen und aufzul\u00f6sen. Die Bilder und die K\u00f6rperarbeit k\u00f6nnen uns dabei helfen, w\u00e4hrend reines \u201eTechniktraining\u201c niemals diese Verkn\u00fcpfungen herstellen kann.<\/p>\n<p>Kampf ist immer auch Angst und der Umgang damit, daher ist der Kampf ein guter Katalysator, um zu lernen mit unseren allt\u00e4glichen \u00c4ngsten umzugehen.<\/p>\n<p>Gewalt und der Umgang mit Gewalt resultiert aus unserer Angst, ebenso unsere Wut. Die Bilder geben uns die M\u00f6glichkeit uns das alles anzugucken, anzunehmen und loszulassen, in allen Bereichen unseres Lebens.<\/p>\n<p>Training \u00fcber Bilder und Prinzipien kommt somit dem ganzen Menschen zu Gute, es schafft einen Zugang zu unserem \u201eWahren-Selbst\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kampfkunst wird heutzutage als eine Sammlung von Techniken gesehen, die man einstudieren muss um sie bei Bedarf abzurufen und in einer bestimmten Situation einzusetzen. 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