{"id":414,"date":"2013-06-01T00:35:31","date_gmt":"2013-05-31T22:35:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/?p=414"},"modified":"2013-06-01T12:24:42","modified_gmt":"2013-06-01T10:24:42","slug":"wie-wichtig-ist-kraft-im-judo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/allgemein\/wie-wichtig-ist-kraft-im-judo\/","title":{"rendered":"Wie wichtig ist Kraft im J\u00fbd\u00f4?"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht klingt diese Frage widersinnig. <\/p>\n<p>Sie ist es aber nicht.<\/p>\n<p>Kraft zu haben ist alles andere als ein Nachteil, soviel steht fest.  Ich selbst bin auch lieber kr\u00e4ftig als schwach. Wer sehr viel Kraft hat, wird jedoch in aller Regel versuchen, diesen Vorteil im Kampf immer und in jeder Situation auszunutzen.<\/p>\n<p>Und genau da sehe ich das Problem.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Wer \u00fcber sehr viel Kraft verf\u00fcgt, der macht sich leider nur selten die M\u00fche, die technischen Feinheiten bspw. der Wurftechniken wirklich zu ergr\u00fcnden. Er wird nicht im Sinne der von Kan\u00f4 aufgestellten Maxime \u201eSeiryoku Zen&#8217;yo\u201c handeln. Statt sich an die Bewegungsmuster des Gegners (sei es nun in einem sportlichen Wettkampf oder im Ernstfall) so weit wie m\u00f6glich anzupassen und sie zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen, wird er \u2013 ich habe es immer und immer wieder erlebt \u2013 die sprichw\u00f6rtliche Brechstange einsetzen, um den Sieg zu erringen.<\/p>\n<p>Das kann funktionieren.<\/p>\n<p>Und weil es gegen k\u00f6rperlich Schw\u00e4chere sehr gut funktioniert, vor allem wenn deren Kenntnisse im J\u00fbd\u00f4 eher bescheiden sind, h\u00e4lt es der k\u00f6rperlich St\u00e4rkere f\u00fcr ein probates Mittel, K\u00e4mpfe durch seine K\u00f6rperkraft zu seinen Gunsten zu entscheiden. Das geht so lange gut, bis er auf jemanden trifft, der ihm an K\u00f6rperkraft zumindest ebenb\u00fcrtig, wenn nicht gar \u00fcberlegen ist. Sage niemand, das k\u00f6nne nicht passieren!<\/p>\n<p>Und dann?<\/p>\n<p>Das bis dahin stets siegreiche Kraftpaket hat in der Regel nicht gelernt, mit einer solchen Situation umzugehen. Wer viel Kraft hat, verl\u00e4sst sich allzu oft darauf, dass er schon nicht in eine Lage kommen wird, in der ihm seine Kraft nicht mehr hilft.<\/p>\n<p>Nun\u2026 ein chinesisches Sprichwort besagt, dass es immer einen noch h\u00f6heren Berg gebe\u2026<\/p>\n<p>Viel Kraft zu haben, das m\u00f6chte ich wiederholen, ist kein Nachteil. Sich allerdings allein auf diese k\u00f6rperliche \u00dcberlegenheit zu st\u00fctzen wird \u00fcber kurz oder lang in die Niederlage f\u00fchren \u2013 es bleibt zu hoffen, dass diese dann nur in einem sportlichen Wettkampf und nicht im Ernstfall erlitten wird.<\/p>\n<p>Kraft zu haben ist ein Vorteil. Aber man muss ihn auch zu nutzen verstehen!<\/p>\n<p>Kan\u00f4s Maxime \u201eSeiryoku Zen&#8217;yo\u201c besagt doch nicht, da\u00df man keine Kraft haben oder einsetzen solle. Diese Maxime besagt vielmehr, da\u00df es ein Zeichen von Intelligenz ist, die vorhandene Kraft \u00f6konomisch, zielgerichtet und zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen!<\/p>\n<p>Wer darauf hinweist, mu\u00df allerdings damit rechnen, hier und da (absichtlich?) missverstanden zu werden&#8230;<\/p>\n<p>So mancher, der um seine eigenen, gravierenden technischen Schw\u00e4chen im J\u00fbd\u00f4 wei\u00df, bem\u00fcht sich hartn\u00e4ckig, diese durch exzessives Krafttraining zu kompensieren. Wenngleich gro\u00dfe K\u00f6rperkraft (beim Gegner) stets ein Faktor ist, den man unbedingt ber\u00fccksichtigen muss, halte ich es dennoch f\u00fcr einen Fehler, sich darauf zu fokussieren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df aber auch aus eigenem Erleben, wie gro\u00df die Versuchung sein kann, Geschmeidigkeit und saubere Technik einfach durch rohe Kraft zu ersetzen. Vor allem im Bodenkampf f\u00fchrt das dann dazu, da\u00df man sich unn\u00f6tig verausgabt, weil man den Erfolg \u00fcber den Gegner erzwingen will.<br \/>\nDas aber ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll.<br \/>\nEs ist, wie ich sebst erleben mu\u00dfte, alles andere als einfach, sich dieser Erkenntnis zu stellen.<br \/>\nMir fiel es jedenfalls schwer, mein Kampfverhalten im Bodenkampf zu \u00e4ndern &#8230;<\/p>\n<p>Das Kanji \u201eJ\u00fb\u201c bedeutet u.a. \u201eanpassungsf\u00e4hig\u201c.<\/p>\n<p>Die Wurfprinzipien des J\u00fbd\u00f4, \u00fcbernommen aus den jahrhundertealten Kory\u00fb Bugei, sind ein exzellentes Beispiel f\u00fcr diese Anpassungsf\u00e4higkeit. Ja, es ist m\u00fchsam, sie wirklich anwendungsbereit zu erlernen. Es kostet Schwei\u00df, es kostet Zeit.<\/p>\n<p>Es ist ein harter Proze\u00df, voller M\u00fchen und Plagen. Es ist frustrierend, wenn man wieder und wieder versagt, weil man die biomechanischen Wirkmechanismen, auf denen die Wurfprinzipien beruhen, noch immer nicht vollst\u00e4ndig internalisiert hat.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen geben nach relativ kurzer Zeit auf.<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich wirklich sehr viel einfacher, sich mit gro\u00dfer K\u00f6rperkraft und immenser Anstrengung den Gegner gegen dessen heftigsten Widerstand \u201epassend\u201c zu machen.<\/p>\n<p>Wir alle haben in unserer Anf\u00e4ngerzeit so ge\u00fcbt und so gek\u00e4mpft. Kraft war f\u00fcr uns das alles entscheidende Kriterium. Wir waren jung und unwissend und meinten, es gen\u00fcge v\u00f6llig, W\u00fcrfe nach dem Prinzip des \u201eIrgendwie\u201c auszuf\u00fchren, solange wir nur eifrig unsere Bizeps trainierten. Wir wussten es nicht besser.<\/p>\n<p>Und viele unserer Trainer wussten es auch nicht besser. Dabei h\u00e4tten wir es besser wissen k\u00f6nnen, wenn wir nur zugeh\u00f6rt und nachgedacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Denn es gab sie ja, jene \u2013 aus unserer damaligen Sicht &#8211; \u201euralten\u201c M\u00e4nner, die l\u00e4chelnd jede unserer gewaltigen Anstrengungen im Randori zunichte machten. Die uns wieder und wieder ins Leere bolzen lie\u00dfen, so da\u00df wir uns durch unseren eigenen Schwung selbst warfen. Die mit winzigen, sparsamen Bewegungen jeden noch so bulligen Anriss m\u00fchelos neutralisierten.<\/p>\n<p>Die irgendwann, wenn sie genug von uns hatten, eine kleine, kaum sichtbare H\u00fcftbewegung machten und uns auf die Matte klatschten, dass uns H\u00f6ren und Sehen verging. Die uns immer dann die F\u00fc\u00dfe wegfegten, wenn wir glaubten, nun aber endlich besonders wuchtig und besonders rasant angerissen und eingedreht zu haben\u2026 <\/p>\n<p>Die uns im Bodenkampf genauso leerlaufen lie\u00dfen. Die uns immer wieder beinahe nachl\u00e4ssig in W\u00fcrgegriffe nahmen, in denen wir so schnell das Licht ausgeknipst bekamen, dass wir uns zu f\u00fcrchten begannen.<\/p>\n<p>Wir trainierten hart.<br \/>\nWir trainierten noch h\u00e4rter, wir trainierten wie die Besengten.<br \/>\nWir arbeiteten an unserer Kraft, an unserer Schnelligkeit, an unserer Ausdauer.<br \/>\nWir wu\u00dften es nicht besser.<br \/>\nWir waren jung und bl\u00f6d.<\/p>\n<p>Wir haben uns n\u00e4mlich nie, nicht ein einziges mal gefragt, wie diese \u201euralten\u201c M\u00e4nner es denn fertigbrachten, den immerw\u00e4hrenden Ansturm zahlreicher junger, kr\u00e4ftiger Ochsen stets m\u00fchelos zu \u00fcberstehen, ihn abzuwettern und ihn zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen.<\/p>\n<p>Wir bolzten Liegest\u00fctze, bis wir zusammenbrachen.<br \/>\nWir hoben Kugelhanteln, bis wir zitternd vor Schw\u00e4che umkippten.<br \/>\nWir hingen an den Sprossenw\u00e4nden und hoben die gestreckten Beine an die Stirn, bis wir mit einem Kreislaufkollaps herunterfielen. Wir hangelten Seile und Kletterstangen hoch, und unten stand der Trainer mit der Stoppuhr und verlangte mehr Anstrengung von uns.<br \/>\nWir versuchten, einander im Bankdr\u00fccken zu \u00fcbertrumpfen.<br \/>\nWir gewannen Wettk\u00e4mpfe, und das sogar auf nationaler und manchmal internationaler Ebene.<\/p>\n<p>Und wir wurden im harten Randori von diesen \u201euralten\u201c M\u00e4nnern jedesmal gnadenlos verhauen.<\/p>\n<p>Jedesmal.<\/p>\n<p>Wir sahen nie, dass die irgendwelches Krafttraining machten. Aber wir dachten uns nichts dabei. Wir sahen, dass sie die W\u00fcrfe der Gokyo \u00fcbten \u2013 auch und gerade als Dantr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Auch dabei dachten wir uns nichts.<\/p>\n<p>Wir zerrten im Randori an den Jacken der \u201eSenioren\u201c, bis die N\u00e4hte knirschten. Genutzt hat es uns gar nichts. Wir wurden trotzdem geworfen, rasant und heftig. Immer wieder. Das war so, als wir 16 waren, das war so, als wir 20 wurden, das \u00e4nderte sich auch nicht, als wir 25 wurden.<\/p>\n<p>Und keiner von uns dachte dar\u00fcber nach.<\/p>\n<p>All das kommt mir wieder in den Sinn, wenn ich den einen oder anderen Judoka davon reden h\u00f6re, dass er sein Krafttraining intensivieren wird, damit dieser oder jener Wurf endlich funktioniert&#8230;<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich halte mich heute lieber an Kan\u00f4s Maxime \u201eSeiryoku Zen&#8217;yo\u201c &#8211; \u201eMaximale Wirkung bei einem Minimum an Aufwand durch perfektes Ausnutzen der dem Menschen eigenen, BEGRENZTEN Energie\u201c.<\/p>\n<p>Ich habe nichts mehr zu verschwenden\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht klingt diese Frage widersinnig. Sie ist es aber nicht. Kraft zu haben ist alles andere als ein Nachteil, soviel steht fest. Ich selbst bin auch lieber kr\u00e4ftig als schwach. 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