{"id":426,"date":"2013-06-05T09:46:12","date_gmt":"2013-06-05T07:46:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/?p=426"},"modified":"2013-07-09T07:17:27","modified_gmt":"2013-07-09T05:17:27","slug":"der-funken-der-kampfkunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/allgemein\/der-funken-der-kampfkunst\/","title":{"rendered":"Der Funken der Kampfkunst"},"content":{"rendered":"<p>Sobald Leute nicht mehr gezwungen sind ihr Leben von den k\u00e4mpferischen F\u00e4higkeiten abh\u00e4ngig zu machen, scheint es zu einer Verflachung und &#8222;Vergeistigung&#8220; der Kampfkunst zu kommen. Dieses Ph\u00e4nomen kann man auch  im Milit\u00e4r beobachten (fr\u00fcher DEM Hort f\u00fcr den unbewaffneten und bewaffneten Kampf), wo das Wissen um den unbewaffneten Kampf ebenfalls verflacht, da es, mit Einf\u00fchrung der Schusswaffen, zu einer komplett anderen Kriegsf\u00fchrung und damit Ausbildung der Soldaten kommt. Der direkte Kampf \u201eMann gegen Mann\u201c, unbewaffnet, oder mit St\u00f6cken, Messern, Schwertern, Lanzen etc., ist eben in den heutigen Kriegen nicht mehr so pr\u00e4sent wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In den allermeisten Kampfk\u00fcnsten beruhte der unbewaffnete Kampf auf den gleichen Prinzipien wie der bewaffnete (zumindest in den meisten chinesischen Kampfk\u00fcnsten und dem Karate). Lediglich das &#8222;Instrument&#8220; (Speer, Schwert, Hiebwaffe, &#8222;leere&#8220; Hand) erforderte eine minimale Anpassung an die spezifischen Gegebenheiten.<br \/>\nSchusswaffen beruhen jedoch nicht auf K\u00f6rpermechanik&#8230;<\/p>\n<p>Wurden Kampfk\u00fcnste fr\u00fcher also von Leuten betrieben die an harte k\u00f6rperliche Arbeit gew\u00f6hnt waren (Soldaten\/S\u00f6ldner, Handwerker, Dorfbewohner, Farmer) und die in kleinen Gruppen ausgebildet wurden (KK-Schulen im Rahmen von Begleitdiensten, Milit\u00e4rausbildung) kam es im Laufe der Zeit zu einer &#8222;Neuausrichtung&#8220;. Soldaten\/S\u00f6ldner hatten keine Verwendung mehr f\u00fcr die &#8222;alte&#8220; Ausbildung, da sich die Bewaffnung und Kriegsf\u00fchrung \u00e4nderte und die Sozialstruktur \u00e4nderte sich dahin, dass Zivilisten nicht mehr gezwungen waren um ihr Leben zu k\u00e4mpfen, zumal die Meisten auch im Milit\u00e4r ihre k\u00e4mpferische Ausbildung erhielten und das dann im privaten Umfeld weitergaben. Industrialisierung und Verst\u00e4dterung taten dann ihr \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Es kam dann schnell dazu, dass Kampfk\u00fcnste von verkopften &#8222;Gelehrten&#8220; gelernt wurden, die weder k\u00f6rperliche Arbeit kannten noch ihr K\u00f6nnen jemals ernsthaft unter Beweis stellen mussten. In einigen Traditionen wurde dann noch Wert auf die Ausbildung bestimmter k\u00f6rperlicher Attribute gelegt, aber oft wurden diese anscheinend als &#8222;zu anstrengend&#8220; empfunden und entweder weggelassen oder nicht ausreichend intensiv trainiert. Stehen im tiefen Mabu oder einer Form der \u201estehenden S\u00e4ule\u201c, jeden Tag 1-2 Stunden?<br \/>\nMakiwaratraining t\u00e4glich 1 Stunde? Arbeit mit schweren Ger\u00e4ten (St\u00f6cken, Waffen)? 1 Stunde Formen im tiefen Stand laufen?<\/p>\n<p>Vieles von dem, was wir heute als &#8222;Grundtechniken&#8220; kennen oder auch als &#8222;Grundlagenkata&#8220; dient zu allererst der k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung und der motorischen Schulung. Jemand, der an t\u00e4gliche harte Arbeit gew\u00f6hnt ist, wird sich damit im Zweifelsfall weniger lange aufhalten m\u00fcssen als ein verkopfter Sch\u00fcler, aber ohne Ausbildung eines Kampfkunst-K\u00f6rpers wird es nichts werden. T\u00e4gliches Schwitzen, t\u00e4gliche Schmerzen sind die Basis f\u00fcr jede Kampfkunst.<\/p>\n<p>Jetzt kommt das Entscheidende: Man muss lernen andere Leute mit vollem Kontakt anzugreifen und seinen K\u00f6rper einzusetzen und genau daran scheitert es bei sehr sehr vielen. Sch\u00fctzer sind da mehr als kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Kampfk\u00fcnste haben unterschiedliche Methoden entwickelt dies zu schulen. Die chinesischen Kampfk\u00fcnste z. B. gehen \u00fcber die Nahdistanz (Tuisho) ohne Schlagen zur Nahdistanz mit Schlagen zum Schlagen ohne vorherigen Kontakt, was dazu f\u00fchrt das zuerst Greifen (Chinna) und Werfen gelehrt wird und dann Schlagen. Sie lehren quasi das Fundament zuerst und dann die Erweiterung, denn es ist Wurst ob ich schlage oder mit einer Waffe agiere, das Prinzip dahinter bleibt das Gleiche.<\/p>\n<p>Das Bridging (\u00dcberwindung der Distanz in den Angriffsbereich, bzw. Annahme des Angriffs) ist in den chinesischen Kampfk\u00fcnsten, wie gesagt, fortgeschritten. Die Konzepte der Annahme ebenso. In dieser \u00dcbungsform lernt man, mit allem was man hat, anzugreifen und dem Gegen\u00fcber harten Kontakt zu geben, w\u00e4hrend das Verletzungsrisiko recht gering ist. Hat man die Annahme in der Distanz verstanden, kann der Angriff freier werden und immer weniger kooperativ, ohne das das Verletzungsrisiko steigt, da der &#8222;Empf\u00e4nger&#8220; des Angriffs immer besser in der Annahme wird.<\/p>\n<p>In den chinesischen Kampfk\u00fcnsten hat der Empf\u00e4nger zu dem Zeitpunkt des \u201eBridgings\u201c schon die Ganzk\u00f6rperbewegung verinnerlicht, im Karate lernt er dieselbe durch das Annehmen von Schl\u00e4gen in den Partner\u00fcbungen und der Kata, bzw. das Makiwara.<\/p>\n<p>Alles steht und f\u00e4llt mit der Ganzk\u00f6rperbewegung und den Methoden der Annahme. Um die Ganzk\u00f6rperbewegung (im Karate Chinkuchi und Gamaku) zu k\u00f6nnen bedarf es harten k\u00f6rperlichen Trainings. Um die Methoden der Annahme zu k\u00f6nnen bedarf es der richtigen Bilder und der Ganzk\u00f6rperbewegung. Fallen &#8222;hartes k\u00f6rperliches Training&#8220; und\/oder &#8222;Bilder&#8220; weg, kann man die Kampfkunst eigentlich in die Tonne kloppen. Was bleibt sind dann entweder Leute die alles mit Kraft versuchen, oder Leute die nur theoretisieren (da sind die mit Kraft zumindest effektiver).<\/p>\n<p>Hartes k\u00f6rperliches Training setzt eine Hingabe an die Kampfkunst voraus, denn nur so kann man sich t\u00e4glich \u00fcber Jahre schinden. Die richtigen Bilder setzt eine enge Bindung an einen Lehrer voraus, der diese Bilder ebenfalls kennt. Um jedoch die Ganzk\u00f6rperbewegung und die Formen der Annahme selbst ausbilden zu k\u00f6nnen ist ein Lehrer n\u00f6tig, der beides kann und einen beides sp\u00fcren l\u00e4sst.<br \/>\nAls Sch\u00fcler braucht man das taktile Feedback des Lehrers!<\/p>\n<p>Wenn man sich dieses einmal vor Augen f\u00fchrt, dann versteht man, finde ich, ziemlich leicht warum es zu einer solchen Verflachung der Kampfk\u00fcnste gekommen ist. Oft wurde auf Ausbildung der k\u00f6rperlichen Attribute nicht mehr so viel Wert gelegt, die &#8222;Intellektuellen&#8220; nahmen sich der Kampfkunst an, verfassten B\u00fccher und gr\u00fcndeten &#8222;Institute&#8220; oder &#8222;Vereinigungen&#8220;. Sie redeten miteinander \u00fcber Kampfkunst anstatt f\u00fcr sich selbst zu trainieren und zu schwitzen. Diese Leute wurden als &#8222;gro\u00dfe Lehrer&#8220; angesehen und die damaligen (und auch heutigen) Gesellschaftssysteme verboten es sie in Frage zu stellen (wenn es Leute wie Choki Motobu oder Zhao Daoxin taten, wurden sie gehasst). Die Institute und Vereinigungen wiederum produzierten viele Sch\u00fcler die die &#8222;Kampfkunst&#8220; der &#8222;gro\u00dfen Lehrer&#8220; in die Welt trugen, nur war von &#8222;Kampf&#8220; nicht mehr viel \u00fcber&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich stellt sich damit ganz konkret die Frage was man tun muss\/kann um daf\u00fcr zu sorgen dass die eigene Kampfkunst erhalten bleibt? Ich habe zum Gl\u00fcck sehr gute und motivierte Sch\u00fcler, bin aber nur 1 x die Woche im Training um sie zu unterrichten. Die Zeit geht dann f\u00fcr Korrekturen der Bilder\/Annahmeformen\/Kampfprinzipien drauf. Das t\u00e4gliche &#8222;Schinden&#8220;, wie ich es erlebt habe, f\u00e4llt da weg (auch wenn sie es gl\u00fccklicherweise alleine tun). Es ist jedoch ein Unterschied ob man das in der Gruppe macht oder sich alleine &#8222;aufraffen&#8220; muss.<br \/>\nWie kann man diese Art des jahrzehntelangen, t\u00e4glichen, Trainings, weitergeben? Es ist klar, dass Verb\u00e4nde das nicht leisten k\u00f6nnen. Es ist klar, dass man eine enge Lehrer-Sch\u00fcler-Bindung braucht, aber wie kann man es schaffen in den Sch\u00fclern den Funken zu entz\u00fcnden f\u00fcr eine Kampfkunst zu brennen? T\u00e4glich zu \u00fcben, \u00fcber Jahrzehnte?<\/p>\n<p>Bei mir war es zuerst &#8222;das will ich auch k\u00f6nnen&#8220;, sp\u00e4ter merkte ich, dass es meinem K\u00f6rper und vor allem auch Geist gut tut. Dann wurde es selbstverst\u00e4ndlich 3 &#8211; 4 mal pro Woche zu trainieren (und zwar alleine). Alles steht und f\u00e4llt mit dieser inneren Motivation.<\/p>\n<p>Eventuell ist es f\u00fcr mich die Motivation, dass ich \u00fcber die k\u00f6rperliche Seite des Trainings Kontakt zu meinem &#8222;inneren Kind&#8220; bekomme, aber das w\u00fcrde bedeuten, dass die geistige Schulung ab einem gewissen Punkt dazugeh\u00f6ren muss. Alle Leute, die ich kenne, und die so lange dabei bleiben, haben mit dieser Seite auf die ein oder andere Art zu k\u00e4mpfen. Kann es sein, dass es dieser innere Kampf ist (bzw. das innere Kind), der die KK am Leben h\u00e4lt, wenn es nicht die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde wie Krieg oder gef\u00e4hrliche Umgebung sind?<\/p>\n<p>Kann es sein, dass dieser Teil in uns den Funken f\u00fcr die Kampfkunst enth\u00e4lt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sobald Leute nicht mehr gezwungen sind ihr Leben von den k\u00e4mpferischen F\u00e4higkeiten abh\u00e4ngig zu machen, scheint es zu einer Verflachung und &#8222;Vergeistigung&#8220; der Kampfkunst zu kommen. 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