{"id":476,"date":"2013-07-03T21:25:32","date_gmt":"2013-07-03T19:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/?p=476"},"modified":"2013-07-09T07:15:41","modified_gmt":"2013-07-09T05:15:41","slug":"sambo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/allgemein\/sambo\/","title":{"rendered":"Sambo"},"content":{"rendered":"<p>(<em>Anmerkung:<br \/>\nIch wurde darum gebeten, diesen Beitrag hier zu ver\u00f6ffentlichen.<br \/>\nEs handelt sich um einen Artikel, den ich vor etwa 8 Jahren schrieb und den ich nun \u00fcberarbeitet und erg\u00e4nzt habe<\/em>.)<\/p>\n<p><strong>Was ist das eigentlich \u2013 Sambo?<\/strong><\/p>\n<p>Sambo scheint das Schicksal vieler anderer Kampfk\u00fcnste zu teilen \u2013 kaum jemand kennt noch seine tats\u00e4chliche Geschichte.<br \/>\nMythen \u00fcberlagern bis heute die Fakten, und manchmal k\u00f6nnte man beinahe glauben, da\u00df nur wenig Interesse besteht, diese Mythen durch Fakten zu ersetzen &#8230;<\/p>\n<p>Wenn heute von Sambo die Rede ist, dann versteht man darunter oftmals eine Art \u201erussischen Ringkampf\u201c. Man sieht das Sambo als eine kuriose Variante des Freistil-Ringens an, bei der die Sportler kurze Hosen, Ringerstiefel und feste Jacken tragen, die dem Judogi \u00e4hnlich sind.<br \/>\nVielfach ersch\u00f6pft sich darin auch schon das Wissen \u00fcber Sambo.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Dabei w\u00fcrde es gen\u00fcgen, den Begriff Sambo zu \u00fcbersetzen, um festzustellen, da\u00df es sich mitnichten um eine Ringkampf-Sportart handelt. Der Begriff Sambo ist eine Abk\u00fcrzung, eine Zusammenfassung der russischen Bezeichnung \u201eSamozashchita Bez Oruzhiya\u201c.<br \/>\nDies bedeutet \u201eSelbstverteidigung ohne Waffen\u201c. Eine solche Selbstverteidigung aber \u2013 das wird wohl kaum jemand bestreiten k\u00f6nnen \u2013 mu\u00df wesentlich mehr umfassen als nur die Techniken des freien Ringkampfes.<br \/>\nWas also ist Sambo wirklich? Wie hat es ausgesehen, bevor man eine Ringkampf-Sportart daraus machte, und wer hat es \u00fcberhaupt entwickelt?<\/p>\n<p>In Werner Linds \u201eLexikon der Kampfk\u00fcnste\u201c lesen wir dazu : <\/p>\n<blockquote><p>\u201eSambo ist ein Ringkampf, beeinflu\u00dft aus dem alten mongolischen Ringen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich glaube nicht, da\u00df man Sambo auf den Begriff des Ringkampfs reduzieren kann.<br \/>\nNat\u00fcrlich beinhaltet Sambo viele Ringkampftechniken, doch es enth\u00e4lt ebenso viele (im sportlichen Wettkampf nicht zugelassene) Tritt- und Schlagtechniken!<\/p>\n<p>Weiter schreibt Werner Lind : <\/p>\n<blockquote><p>\u201eAlle V\u00f6lker der ehemaligen UdSSR \u00fcben sich im Sambo, auch wenn man in Grusinien von Tschidaoba, in Aserbaidshan von Pechlawan, in Moldawien von Trinta oder in Armenien von Kotch spricht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch das ist nicht richtig.<br \/>\nSambo ist unter anderem eine Synthese aus Elementen der erw\u00e4hnten Ringkampfk\u00fcnste.<br \/>\nDie Ringkampfstile Mittelasiens sind allerdings nicht dasselbe wie Sambo.<br \/>\nLeider hat Lind es vers\u00e4umt, in sein Lexikon relevante Informationen zur Geschichte des Sambo aufzunehmen \u2026<\/p>\n<p>Ich werde daher versuchen, in diesem Artikel die Geschichte des Sambo soweit darzustellen, wie es mir aufgrund der bescheidenen Quellenlage m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Der Begr\u00fcnder des Sambo, ein russischer Geheimdienstoffizier namens Oschepkov, wird bei Lind ebenso wenig erw\u00e4hnt wie sein bekanntester Sch\u00fcler, ein Mann namens Charalampiev.<br \/>\nAuch \u00fcber A.V. Spiridonov, der den Begriff Sambo erstmals pr\u00e4gte, finden wir in Linds Lexikon leider nichts. Auch den Namne Rubantschik sucht man vergebens \u2026<\/p>\n<p>Wie aber entstand nun jene Kampfkunst, die im Westen noch immer relativ unbekannt ist und um die sich Mythen und Legenden ranken?<\/p>\n<p>Der erste ernstzunehmende Autor, der sich dieser Frage widmete, war  Mikhail Nikolaevitch Lukashev. Im Jahr 1982 ver\u00f6ffentlichte er ein Buch, in dem er damit begann, einige der Mythen durch Fakten zu ersetzen. Im Jahr 1986 ver\u00f6ffentlichte Lukashev den zweiten Teil seines Werkes und l\u00f6ste damit in der UdSSR einen Skandal aus. Ungesch\u00f6nt berichtete er, was er den Archiven entnommen hatte &#8230;<br \/>\nUnter dem Titel \u201e<em>Born in tsar&#8217;s prison to die in Stalin&#8217;s one<\/em>\u201c findet man dazu im Netz einen sehr interessanten Artikel.<\/p>\n<p>Die Entstehung des Sambo wurde absichtlich mystifiziert und verschleiert \u2013 aus gutem Grund, wie man sehen wird.<\/p>\n<p>Der Begriff Sambo wurde zu Beginn des I. Weltkrieges von einem Mann namens V. A. Spiridonov gepr\u00e4gt. Er verstand darunter eine Art des milit\u00e4rischen Nahkampfes f\u00fcr die Soldaten der russischen Armee. Spiridonov darf demzufolge als Pionier des Sambo gelten.<br \/>\nDas Verdienst, Sambo zu einer sehr ernstzunehmenden, komplexen Kampfkunst gemacht zu haben, geb\u00fchrt jedoch einem anderen Mann. Der eigentliche Gr\u00fcnder des Sambo ist nachweislich Vasily Sergejewitsch Oschepkov.<\/p>\n<p>Oschepkov wurde im Dezember 1892 in Alexandrovski auf der Insel Sachalin geboren. (Die Insel Sachalin fiel an Japan, nachdem Russland 1905 den Krieg gegen Japan verloren hatte).<br \/>\nDort besuchte er die Schule der russisch-orthodoxen Kirche, wo er auch die M\u00f6glichkeit hatte, Kodokan Judo zu trainieren. Diesem Training widmete er sich mit gro\u00dfem Eifer und wurde so erfolgreich, da\u00df er als junger Mann ausgew\u00e4hlt wurde, am Training des Kodokan in Tokyo teilnehmen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Archive des Kodokan verzeichnen, da\u00df Oschepkov am 29. Oktober 1911 erstmals direkt am Training des Kodokan teilnahm.<br \/>\nEs mag heute erstaunlich anmuten, doch er wurde im Judo beinahe ebenso gr\u00fcndlich unterrichtet wie seine japanischen Mitsch\u00fcler \u2013 eine absolute Ausnahme f\u00fcr die damalige, von Nationalismus gepr\u00e4gte Zeit.<\/p>\n<p>Man mu\u00df ber\u00fccksichtigen, da\u00df die allgemeine Auffassung der japanischen Judo-Lehrer in jenen Tagen besagte, da\u00df es f\u00fcr einen Ausl\u00e4nder unm\u00f6glich sei, Judo zu verstehen und ebenso hart zu trainieren wie Japaner.<br \/>\nDas Training war damals noch immer sehr von der Rivalit\u00e4t der Schulen des Jujutsu beeinflu\u00dft. Zwar hatte der Kodokan alle bisherigen Herausforderungsk\u00e4mpfe gegen andere Schulen gewonnen (au\u00dfer gegen die K\u00e4mpfer der Fusen Ryu), doch noch immer mu\u00dften sich die Judoka den traditionellen Shin Ken Shobu (regellose K\u00e4mpfe, die manchmal bis zum Tod eines Kontrahenten gingen), den Herausforderungen anderer Schulen des Jujutsu stellen. <\/p>\n<p>Wir lesen dazu bei Kano Jigoro:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es schien, als m\u00fcsse der Kod\u00f4kan gegen ganz Japan antreten und da\u00df wir eine auf alles gefa\u00dfte Gesinnung haben m\u00fc\u00dften.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>(Kano Jigoro in: Sakko, Heft Nr. 6, 1927)<\/p>\n<p>Das Training war in vielen Dojo folglich h\u00e4rter als hart \u2013 es war grausam und v\u00f6llig erbarmungslos.<br \/>\nZudem war Oschepkov Russe \u2013 und damit sehr unbeliebt in Japan.<br \/>\nDer Krieg gegen Ru\u00dfland lag noch nicht so lange zur\u00fcck &#8230;<\/p>\n<p>Oschepkov war, wie Lukashev schreibt (er bezieht sich dabei auf Aufzeichnungen verschiedener Lehrer des Kodokan, die mir selbst jedoch nicht vorliegen), also kein Trainingskamerad, mit dem man schonend umging, sondern ein verha\u00dfter Ausl\u00e4nder \u2013 ein Feind.<br \/>\nSeine japanischen Trainingspartner machten sich laut Lukashev anfangs einen Spa\u00df daraus, ihm wiederholt Rippen und Arme zu brechen. Diese harten Lektionen jedoch formten ihn zu einem Judoka mit hervorragenden technischen und k\u00e4mpferischen F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>In jenen Jahren vergab der Kodokan die Yudansha-Graduierungen auch an Japaner nur sehr sparsam, wie aus den Archiven des Kodokan hervorgeht.<br \/>\nWieviel schwieriger mu\u00df es f\u00fcr Oschepkov gewesen sein, die japanischen Lehrer von seinem K\u00f6nnen zu \u00fcberzeugen!<br \/>\nDennoch erhielt er im Jahre 1914 den Shodan (1. Dan) im Kodokan Judo, und zwar, so wird behauptet, aus den H\u00e4nden von Kano Jigoro pers\u00f6nlich (letzteres halte ich allerdings f\u00fcr eine Legende).<br \/>\nOschepkov war der erste Russe, der sich diese Graduierung erk\u00e4mpfte. Im Jahre 1917 legte er im Kodokan sogar die Pr\u00fcfung zum Nidan (2. Dan) ab.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des I. Weltkrieges verlie\u00df Oschepkov Japan und kehrte nach Ru\u00dfland. Zur\u00fcck. Im Jahre 1921 wurde er Offizier der Roten Armee, einige Jahre sp\u00e4ter trat er der Tscheka (Geheimdienst) bei und wurde in Japan und vor allem in China eingesetzt.<br \/>\nIn dieser Zeit studierte er laut Lukashev verschiedene Stile der chinesischen Kampfk\u00fcnste. So wird auch behauptet, da\u00df er sich dem Bagua widmete. Belegen l\u00e4\u00dft sich das allerdings nicht.<\/p>\n<p>1926 begab sich Oschepkov zur\u00fcck nach Ru\u00dfland, nach Wladiwostok, um dort den milit\u00e4rischen Nachwuchs im Judo auszubilden.<br \/>\nVon dort wurde er nach Nowosibirsk versetzt, wo er im Sibirischen Milit\u00e4rhauptquartier der Roten Armee als Spezialist f\u00fcr ostasiatische Sprachen arbeitete. Dort lehrte er auch seine Interpretation funktionaler, realistischer Selbstverteidigung. Er tat dies so erfolgreich, da\u00df der Generalstab der Roten Armee auf ihn aufmerksam wurde.<\/p>\n<p>Geheimdienstberichten zufolge bildete die japanische Armee ihre Offiziere und Soldaten in einer auf die Bed\u00fcrfnisse des Milit\u00e4rs zugeschnittenen, sehr brutalen Art des Judo aus.<br \/>\nDem gedachte die Rote Armee ein mindestens gleichwertiges Nahkampfsystem entgegenzusetzen.<br \/>\nOschepkov, der verschiedene Vorf\u00fchrungen gab und dabei ernsthaft getestet wurde (die Messer und Bajonette der Angreifer waren scharf und wurden r\u00fccksichtslos eingesetzt in der Absicht, Oschepkov ernstlich zu verletzen, was durch Aktennotizen im Archiv der ehemaligen sowjetischen Streitkr\u00e4fte belegt werden kann) verschaffte sich und seiner Kampfmethode schnell und sehr eindrucksvoll gro\u00dfen Respekt.<br \/>\nDer Brigadegeneral Boris Sergejewitsch Kalpus erteilte Oschepkov im Jahre 1927 den Auftrag, ein entsprechendes Nahkampfsystem f\u00fcr die Soldaten der Roten Armee auszuarbeiten.<br \/>\nOschepkov \u00fcbernahm daf\u00fcr den von Spiridonov gepr\u00e4gten Begriff Sambo.<\/p>\n<p>In dieser Zeit gab Oschepkov auch ein detailliertes, mit sehr exakten Zeichnungen versehenes Handbuch heraus. Darin ging er u.a. ausf\u00fchrlich auf den Bereich der Fu\u00dftritte und Kniest\u00f6\u00dfe ein \u2013 etwas f\u00fcr die damalige Zeit unerh\u00f6rt Neues.<br \/>\nOschepkov lehrte seine Sch\u00fcler den absolut regellosen Freikampf. Da war es verst\u00e4ndlich, da\u00df der Bereich der Fu\u00dftritt- und Kniesto\u00dftechniken ebenso wenig fehlen durfte wie der Bereich des Bodenkampfes. Um das Training verletzungsarm zu gestalten, \u00fcbernahm Oschepkov etwas, das er sehr wahrscheinlich im Kodokan kennengelernt hatte, n\u00e4mlich sch\u00fctzende, vorn offenen Boxhandschuhen \u00e4hnelnde Polster f\u00fcr H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Oschepkov ging (zu Recht) davon aus, da\u00df sich die F\u00e4higkeiten der Selbstverteidigung betr\u00e4chtlich steigern lassen, wenn sie auf einem stabilen, sportlichen Fundament beruhen. Sport an sich mu\u00df sich an Regeln orientieren und ist daher in seinen M\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt. Doch mit regelkonformen sportlichen Wettk\u00e4mpfen kann man dennoch n\u00fctzliche F\u00e4higkeiten trainieren wie z.B. Schnelligkeit, Ausdauer, schnelles Orientieren in rasch wechselnden Situationen und \u00f6konomisches Verhalten auch unter enorm stre\u00dfbelasteten Umst\u00e4nden.<br \/>\nAll dies braucht man in einer realen Kampfsituation, wenn man \u00fcberleben will.<br \/>\nDer sportliche Wettkampf nach Regeln darf allerdings nicht mehr sein als das \u2013 ein Hilfsmittel, um jene obenstehend genannten F\u00e4higkeiten zu entwickeln und zu schulen.<br \/>\nOschepkov entdeckte also die Erkenntnisse Kano Jigoros sozusagen noch einmal. Allerdings konnte er sich \u2013 da er von den Erfahrungen und Lehrmeinungen des Kodokan abgeschnitten war \u2013 ungehindert entfalten und das Sambo allein an den ihm wichtig erscheinenden Erfordernissen ausrichten.<\/p>\n<p>Mikhail Nikolaevitch Lukashev schreibt dazu, da\u00df das Kodokan Judo der fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahre begann, zu erstarren, seine Kampfkraft zu verlieren und hinter den rigiden Schranken der japanischen Gesellschaft zu versinken.<br \/>\nDas ist so nicht richtig, denn Lukaschev \u00fcbersieht dabei, da\u00df Kano in jener Zeit verzweifelt bem\u00fcht war, zu verhindern, da\u00df der Kodokan vom japanischen Milit\u00e4r vereinnahmt und zu einer Milit\u00e4rakademie umfunktioniert wurde. <\/p>\n<p>Da Oschepkov keine Verbindung mehr zum Kodokan hatte, blieb es nicht aus, da\u00df er in Bezug auf das Kodokan Judo nicht auf dem laufenden war.<br \/>\nDaher ist es verst\u00e4ndlich, da\u00df er 1931 schreibt : \u201e &#8230; der Kodokan hat keine Abteilung, welche sich mit der Entwicklung k\u00f6rperlicher \u00dcbungen besch\u00e4ftigt &#8230; es ist jedoch unm\u00f6glich, den menschlichen Organismus ohne spezielle k\u00f6rperliche \u00dcbungen zu entwickeln.\u201c<\/p>\n<p>Nun, Oschepkov irrte sich.<br \/>\nIch verweise in diesem Zusammenhang auf die gro\u00dfen Antrengungen, die Kano unternahm, um eine Form der \u201eidealen Leibeserziehung\u201c zu finden.<br \/>\nKano widmet diesem Thema viele umfangreiche Aufs\u00e4tze, in denen er sich intensiv mit dem Nutzen vieler Sportarten ebenso auseinandersetzt wie mit dem Sinn und Zweck verschiedener Arten der Gymnastik.<br \/>\n(Nachzulesen ist das u.a. bei Andreas Niehaus \u201eLeben und Werk Kano Jigoros\u201c, 2003)<\/p>\n<p>Kanos \u00dcberlegungen m\u00fcndeten schlie\u00dflich in der von ihm geschaffenen Kata \u201eSeiryoku Zenyo Kokumin Tai Iku\u201c. Der Name dieser Kata lautet \u00fcbersetzt \u201eNationale Ert\u00fcchtigungs- (\u00dcbungs-) Form nach dem Prinzip der maximalen Wirkung bei minimalem Aufwand an Energie\u201c.<br \/>\nDazu empfehle ich den aus dem Jahr 1930 stammenden Aufsatz \u201eSeiryoku Zen&#8217;yo Kokumin Tai Iku\u201c (Kano 1930, siehe dazu Andreas Niehaus \u201eLeben und Werk des Kano Jigoro\u201c, 2003, S. 300 ff.)<\/p>\n<p>Zudem sei darauf verwiesen, da\u00df s\u00e4mtliche Kata des Kodokan Judo auch und vor allem der Entwicklung k\u00f6rperlicher F\u00e4higkeiten dienen. Erst die durch die Kata zu erlangenden k\u00f6rperlichen F\u00e4higkeiten n\u00e4mlich bef\u00e4higen den Aus\u00fcbenden, sich allm\u00e4hlich auch den weiterf\u00fchrenden Inhalten jener Formen zuzuwenden.<br \/>\nDiese weiterf\u00fchrenden Inhalte wiederum sind nichts Abgehobenes, sondern bef\u00f6rdern ganz konkret das Verst\u00e4ndnis grundlegender biomechanischer Zusammenh\u00e4nge. Dies wiederum wirkt sich direkt auf die Kampfkraft des Judoka aus &#8230;<\/p>\n<p>Ich denke, Oschepkovs Vorwurf, der Kodokan habe sich nicht in ausreichendem Ma\u00df der Entwicklung k\u00f6rperlicher \u00dcbungen gewidmet, darf als widerlegt gelten.<\/p>\n<p>Wenn Lukaschev (1986) sich Oschepkovs Meinung anschlie\u00dft und behauptet, da\u00df die japanischen Judo-Lehrer damals keine erw\u00e4hnenswerten Methoden der k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung kannten, mu\u00df man ihm widersprechen.<br \/>\nMeiner Meinung nach irrt sich Lukaschev in diesem Punkt.<br \/>\nEs mu\u00df die Frage erlaubt sein, wieso das Training im Kodokan (und mehr noch in der Dai Nippon Butokukai) in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts als so \u00fcberaus hart und anstrengend galt &#8230;<br \/>\nDie F\u00e4higkeit, lange und harte Sparringsk\u00e4mpfe durchzustehen, mu\u00dfte ja irgendwoher kommen. Ohne hartes k\u00f6rperliches Training und ohne spezielle, diesen Erfordernissen angemessene k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung h\u00e4tte kein Judoka die notwendigen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oschepkov wiederum konnte zu seiner Zeit mit Sicherheit den Wert der verschiedenen Kata des Kodokan als physische \u00dcbung nicht erkennen. Er war wohl zu fixiert auf das, was in Europa unter dem Begriff der \u201eK\u00f6rperert\u00fcchtigung\u201c oder auch \u201eGymnastik\u201c verstanden wurde.<br \/>\nLukaschev verf\u00e4llt 1986 leider dem selben Irrtum.<\/p>\n<p>Oschepkov entfernte aus dem, was er in Japan gelernt hatte, alle ihm \u201eantiquiert\u201c erscheinenden Formen und Bewegungen. Das ist verst\u00e4ndlich, denn er hatte keinerlei Bezug z.B. zu den Koryu Bugei, auf denen viele Bewegungen des Kodokan Judo beruhen.<br \/>\nEs mu\u00df davon ausgegangen werden, da\u00df Oschepkov bspw. keine Kenntnis hatte von Kanos Bem\u00fchungen, auf der Grundlage der Koryu Bugei auch Waffentechniken ins Kodokan J\u00fbd\u00f4 einflie\u00dfen zu lassen. Das 1935 erstmals der \u00d6ffentlichkeit vorgestellte Kodokan Bojutsu konnte Oschepkov nat\u00fcrlich nicht kennen &#8230;<br \/>\nEs darf wohl als gesichert angenommen werden, da\u00df Oschepkov auch nichts von der 1927 gegr\u00fcndeten Kobudo Kenkyukai wu\u00dfte.<br \/>\n(Diese Abteilung war der Erforschung und Bewahrung der Koryu Bugei gewidmet, und die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse bereicherten sehr wahrscheinlich auch die Lehrmethoden des Kodokan. Darauf genauer einzugehen w\u00fcrde aber den Rahmen dieses Beitrages sprengen.)<\/p>\n<p>Oschepkov ging mit eigenen Methoden konsequent seinen eigenen Weg der Kampfkunst, seine Wurzeln allerdings sind nachweisbar im Kodokan Judo zu suchen.<br \/>\nOschepkov erweiterte das Spektrum der Techniken des Sambo erkennbar um etliche Techniken aus den mittelasiatischen Kampfk\u00fcnsten und folgte damit eigentlich dem Grundsatz Kano Jigoros, da\u00df eine praktikable Kampfkunst niemals als geschlossenes System angesehen werden darf.<\/p>\n<p>Lukashev schreibt nun in seinem Beitrag, da\u00df Oschepkov in den Bodenkampf des Sambo die Beinhebel eingef\u00fchrt habe, die ja im Judo nicht enthalten gewesen seien. Lukashev meint, damit die Genialit\u00e4t Oschepkovs eindeutig zu belegen.<br \/>\nLeider irrt er an dieser Stelle.<br \/>\nBeinhebel waren im Bodenkampf des Judo von Anfang an enthalten und wurden erst 1914 im Rahmen einer Neufassung des Reglements in Wettk\u00e4mpfen ausdr\u00fccklich verboten. Da Oschepkov zu dieser Zeit noch in Japan lebte und dort trainierte, m\u00fc\u00dfte er im Grunde mit Beinhebeln recht vertraut gewesen sein \u2026<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach verwechselt Lukashev den heutigen sportlichen, sehr reglementierten Wettkampf im Judo mit dem, was Oschepkov in Japan trainierte.<br \/>\nZudem waren im Bodenkampf des Kodokan Judo schon immer all jene Techniken enthalten, die praktikabel und n\u00fctzlich waren. Oschepkov kann also unm\u00f6glich den Bodenkampf des Judo \u201everbessert\u201c haben, indem er Beinhebel einf\u00fchrte &#8230;<br \/>\nEs ist Oschepkov jedoch hoch anzurechnen, da\u00df er jede Technik, ganz gleich, aus welchem Kampfsystem sie auch stammte, immer und ausschlie\u00dflich unter dem Aspekt der Anwendbarkeit im regellosen Ernstfall sah. Er trug zusamen, was er f\u00fcr die besten und wirksamsten Kampfmethoden Europas und Mittelasiens hielt und schuf daraus eine sehr ernstzunehmende Kampfkunst.<br \/>\nSein Sambo, basierend auf dem Kodokan Judo, wurde zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre erweitert um die Erkenntnisse des amerikanischen und europ\u00e4ischen Freistil-Ringens, des englischen und franz\u00f6sischen Boxens, um die besten Griffe des aserbaidshanischen Zorhana-Ringens, des armenischen Kotch, des grusinischen Tschidaoba, des turkmenischen Guljesch, des moldawischen Drinha, des usbekischen Kurasch und wahrscheinlich um die Techniken verschiedener chinesischer Systeme. <\/p>\n<p>Sambo entwickelte sich zu einer (technisch) umfassenden, sehr effektiven Kampfkunst.<br \/>\nBedauerlicherweise aber wollte oder konnte Oschepkov mit dem Aspekt der \u00fcber die blo\u00dfe Technik hinausreichenden Selbst-Erkenntnis und Selbst-Erziehung, wie sie bspw. von Kano Jigoro im Judo propagiert wurde, nicht das geringste anfangen.<br \/>\nDas Sambo von V. S. Oschepkov enth\u00e4lt keinerlei in diese Richtung zielenden Lehrinhalte.<\/p>\n<p>Oschepkov leitete ab 1932 das Institut f\u00fcr K\u00f6rpererziehung in Moskau. Seine wichtigsten Sch\u00fcler dort waren Kuzovlev, Sidorov, Galkovskii, Skolnikov, Vasiliev und nat\u00fcrlich A. Charalampiev. Letzterer unterrichtete in Leningrad und Moskau und sollte bald eine unr\u00fchmlich Rolle spielen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1937 rollte die erste gro\u00dfe Terrorwelle \u00fcber die Sowjetunion hinweg. Stalin, der sich von Feinden umgeben glaubte, ordnete radikale \u201eS\u00e4uberungen\u201c an. Hunderttausende fielen diesem sinnlosen Terror zum Opfer.<br \/>\nAuch V. S. Oschepkov geriet in das Visier des NKWD (= sowjetischer Geheimdienst). Er war verd\u00e4chtig, weil er in den zwanziger Jahren im Ausland gewesen war \u2013 in Japan, in China &#8230;<br \/>\nEr wurde verhaftet und sollte gestehen, eine Verschw\u00f6rung gegen den Sozialismus und gegen den Genossen Stalin angezettelt zu haben.<br \/>\nEr sollte gestehen, ein Agent der japanischen Imperialisten zu sein.<\/p>\n<p>Es existiert noch das Fragment einer Akte des NKWD \u00fcber seine Verhaftung. (USSR. NKWD. Moskauer Gebietsgericht. Fall Nr. 2641 Oschepkov, Verhaftung nach Artikel 58 Absatz 6 des Russischen Strafgesetzbuches).<br \/>\nDort ist zu lesen, da\u00df \u201e&#8230; der B\u00fcrger Oschepkov, Vasily Sergejewitsch, als japanischer Agent entlarvt wurde.\u201c<\/p>\n<p>In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober 1937 wurde er vom NKWD verhaftet und kam zehn Tage sp\u00e4ter unter noch immer ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben.<br \/>\nAls offizielle Todesursache wurde Angina pectoris angegeben.<br \/>\nSeine Sch\u00fcler taten daraufhin, was sie tun mu\u00dften \u2013 sie distanzierten sich \u00f6ffentlich und vehement von ihm. Damit erkauften sie sich ihr Leben, und es w\u00e4re anma\u00dfend, sie deswegen verurteilen zu wollen.<br \/>\nDer Name Oschepkov wurde nunmehr aus allen das Sambo betreffenden Ver\u00f6ffentlichungen und Verlautbarungen entfernt. Fotografien wurden retuschiert, um Oschepkovs Gesicht darauf unkenntlich zu machen oder ganz verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p>Sambo war damals au\u00dferhalb der Sowjetunion vollkommen unbekannt, daher war diese Geschichtsf\u00e4lschung ohne weiteres m\u00f6glich \u2013 und sie war erfolgreich.<br \/>\nOschepkovs Sch\u00fcler Charalampiev wurde als der Begr\u00fcnder des Sambo ausgegeben. Es zeugt nicht eben von Charakter, da\u00df Charalampiev sich darauf einlie\u00df und in den folgenden Jahren kr\u00e4ftig am eigenen Mythos strickte.<br \/>\nDie japanischen Wurzeln des Sambo wurden mit dem Namen Oschepkov getilgt und gerieten schnell in Vergessenheit. Es war den Russen unm\u00f6glich, zugeben zu k\u00f6nnen, da\u00df sie die Grundz\u00fcge des Sambo aus dem Kodokan Judo entlehnt hatten. Der Sozialismus konnte alles viel besser als der Kapitalismus \u2013 das mu\u00dfte auch f\u00fcr die Kampfkunst gelten.<br \/>\nSambo galt nun in der offiiellen Propaganda als \u201eur-sowjetisches\u201c, zu Ehren des gro\u00dfen Stalin geschaffenes Kampfsystem, entwickelt von aufrechten sowjetischen Kommunisten mit dem Genossen Charalampiev an der Spitze. Grundlage des Sambo waren nunmehr offiziell die \u201ealten russischen Ringkampfk\u00fcnste\u201c.<\/p>\n<p>1938 wurden die ersten All-Sowjetischen Meisterschaften im Sambo ausgetragen \u2013 in Moskau.<br \/>\nDort fand gleichzeitig auch eine Versammlung der wichtigsten Aktiven und Lehrer des Sambo statt. Auf dieser Versammlung durfte Charalampiev mit dem Segen der Partei unger\u00fchrt verk\u00fcnden, man habe soeben die Schaffung eines neuen, sowjetischen Kampfsystems namens Sambo miterleben d\u00fcrfen, dessen Sch\u00f6pfer er selbst sei. Es spielte dabei keine Rolle, da\u00df in dieser Versammlung Leute sa\u00dfen, die gemeinsam mit Oschepkov jahrzehntelang an den Grundlagen des Sambo gearbeitet hatten und gewi\u00df \u00fcber bessere Kenntnisse dieses Kampfsystems verf\u00fcgten als Charalampiev.<br \/>\nDie Partei hatte beschlossen, was als Wahrheit zu gelten hatte, und es w\u00e4re glatter Selbstmord gewesen, dagegen aufzubegehren.<\/p>\n<p>Gewi\u00df hatte Charalampiev Verdienste um das Sambo aufzuweisen \u2013 das macht es ja bis in unsere Tage so schwer, die damals verk\u00fcndeten L\u00fcgen als solche zu erkennen.<br \/>\nSelbst das noch von Oschepkov pers\u00f6nlich verfa\u00dfte Handbuch des Sambo wurde schamlos Charalampiev zugesprochen! <\/p>\n<p>Doch es gab und gibt einige Ungereimtheiten, die dem aufmerksamen Beobachter die damaligen L\u00fcgen offensichtlich werden lassen.<br \/>\nSo wurde behauptet, da\u00df Charalampiev zu Beginn der zwanziger Jahre durch Mittelasien reiste, um die dortigen Kampfk\u00fcnste zu studieren und in das Sambo zu integrieren.<br \/>\nCharalampiev selbst behauptete stets, er habe von N. Podvoiski, einem Helden der Oktoberrevolution, im Jahre 1922 den Auftrag dazu erhalten. Diese Geschichte wurde 1983 in der Sowjetunion sogar verfilmt! (Deutscher Titel \u201eDer Unbesiegbare\u201c). <\/p>\n<p>Allerdings ist diese Geschichte vollkommen erfunden. Charalampiev war 1922 gerade mal 15 Jahre alt.<br \/>\nEs will nun doch etwas unglaubw\u00fcrdig erscheinen, da\u00df er in diesem zarten Alter bereits im Auftrage des heldenhaften Genossen Podvoiski durch den wilden Kaukasus reiste und all\u00fcberall K\u00e4mpfe bestritt, die er noch dazu allesamt gewann!<br \/>\nDennoch wurde aus einem Mythos eine scheinbar unangreifbare historische Tatsache.<\/p>\n<p>Es ist sehr bedauerlich, da\u00df die unbestrittenen k\u00e4mpferischen F\u00e4higkeiten Charalampievs seine menschlichen Qualit\u00e4ten offenbar weit \u00fcberstiegen.<br \/>\nAuch nachdem der Name Oschepkovs Anfang der siebziger Jahre reingewaschen und rehabilitiert worden war, blieb Charalampiev eisern dabei, der alleinige Begr\u00fcnder des Sambo zu sein.<\/p>\n<p>Viele Anh\u00e4nger des Sambo k\u00f6nnen sich bis heute einfach nicht vorstellen, da\u00df eine solch gro\u00dfe und grobe F\u00e4lschung der tats\u00e4chlichen Geschichte m\u00f6glich gewesen sein soll. Verbissen halten sie darum am makellosen Bild ihres Idols Charalampiev fest und schimpfen jeden einen L\u00fcgner, der dieses Bild korrigieren will.<br \/>\nNur langsam setzt sich in Ru\u00dfland die Erkenntnis durch, da\u00df die Geschichte des Sambo wohl neu geschrieben werden mu\u00df &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Anmerkung: Ich wurde darum gebeten, diesen Beitrag hier zu ver\u00f6ffentlichen. Es handelt sich um einen Artikel, den ich vor etwa 8 Jahren schrieb und den ich nun \u00fcberarbeitet und erg\u00e4nzt habe.) Was ist das eigentlich \u2013 Sambo? 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