{"id":556,"date":"2013-09-04T11:56:04","date_gmt":"2013-09-04T09:56:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/?p=556"},"modified":"2013-09-04T11:56:04","modified_gmt":"2013-09-04T09:56:04","slug":"ueber-die-kampfkunstfamilie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judo-blog.de\/wordpress\/allgemein\/ueber-die-kampfkunstfamilie\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Kampfkunstfamilie"},"content":{"rendered":"<p>Zuletzt habe ich an dieser Stelle etwas \u00fcber den Lehrer in den Kampfk\u00fcnsten und \u201eShu-Ha-Ri\u201c geschrieben. Heute m\u00f6chte ich etwas \u00fcber die Wissensvermittlung durch den Lehrer schreiben.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Lehrer lebt \u201esein Karate\u201c. In allem was er tut spiegelt sich, im Idealfall, das wieder, was ich unter \u201eKarate\u201c verstehe. Eine Lebenseinstellung, einen \u201eway of life\u201c. Die technische und k\u00f6rperliche Seite des Karate ist da nur ein Teil davon, die innere Einstellung zu sich selber und seinen Mitmenschen ein anderer.<br \/>\nWas passiert wenn ich als Sch\u00fcler zum Training in mein Dojo gehe? Ich treffe meinen Lehrer, ich komme in direkten menschlichen Kontakt mit ihm. Ich lerne von ihm die korrekten Bewegungen, er treibt mich an, er fordert mich, er gibt mir Hilfestellungen.<\/p>\n<p>Bei einem Trainingspensum von 10 Stunden pro Woche (und so viel braucht man in den ersten 4-6 Jahren mindestens um umfassend Karate auf der Shu-Stufe zu lernen) ist der Lehrer eben mehr als nur ein \u201eTrainer\u201c. Ein Trainer sieht 10-20 Sch\u00fcler f\u00fcr 1-2 Stunden die Woche. Ein Lehrer sieht seine 4-8 Sch\u00fcler f\u00fcr mindestens 10 Stunden die Woche.<br \/>\nDer Lehrer lebt etwas vor. Er lehrt durch sein Beispiel. Im wahrsten Sinne des Wortes \u201epr\u00e4gt\u201c er seine Sch\u00fcler. Bei so viel gemeinsamer Zeit tauscht man sich eben auch \u00fcber allt\u00e4gliche Dinge aus, lernt sich kennen und steht einander bei, auch bei privaten Problemen.<\/p>\n<p>In den chinesischen Kampfk\u00fcnsten haben Anreden einen famili\u00e4ren Bezug (Vater-Lehrer, Gro\u00dfvater-Lehrer), was diese enge Bindung zeigt. Man wird \u201eeine Familie\u201c bei der man von den \u201e\u00c4lteren\u201c lernt. Ein Lehrer erzieht seine Sch\u00fcler, wie er seine Kinder erzieht. Er m\u00f6chte ihnen seine Erfahrungen und seine F\u00e4higkeiten weitergeben.<br \/>\nAnders als bei einer Familie ist dieses \u201eBand\u201c jedoch freiwillig. Es ist die Entscheidung des Sch\u00fclers, ob er einen \u201eVater-Lehrer\u201c akzeptiert, der ihn in der Kampfkunst \u201eerzieht\u201c, genauso wie es eine Entscheidung des Lehrers ist, ob er einen \u201eSch\u00fcler-Sohn\u201c adoptiert.<\/p>\n<p>Warum ist diese sprachlicher Exkurs so wichtig?<br \/>\nEs zeigt die Art und Weise, wie in einer Kampfkunst traditionell unterrichtet wird. Ein Lehrer ist eben nicht ein \u201eTrainer\u201c, der die oberfl\u00e4chlichen Bewegungen im Massenunterricht vorturnt. Er ist auch kein \u201eLehrer\u201c wie wir ihn aus der Schule kennen, wo 20-30 Sch\u00fcler auf einmal unterrichtet werden.<br \/>\nEin Lehrer ist eher ein \u201eKampfkunstfamilienoberhaupt\u201c, ein \u201eKampfkunstvater\u201c, der seine Kinder erzieht. In dieser \u201eKampfkunstfamilie\u201c achten, wie in einer echten \u201eGro\u00dffamilie\u201c, die \u00c4lteren auf die J\u00fcngeren, geben ihnen Hilfestellung und \u201eerziehen\u201c sie indem sie durch ihr Verhalten Vorbild sind.<br \/>\nIn den chinesischen und japanischen Familien herrscht(e) das konfuzianische Familienbild mit einer sehr strikten und strengen Familienhierarchie, die uns heutigen Westlern eher \u201efremd\u201c anmutet. Das hat jedoch nichts mit \u201eSekte\u201c zu tun, sondern mit der damaligen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Der Wissenstransfer innerhalb einer solchen \u201eKampfkunstfamilie\u201c findet durch den direkten, t\u00e4glichen, pers\u00f6nlichen Kontakt mit den anderen \u201eFamilienmitgliedern\u201c statt. Wie in einer Familie steht man f\u00fcreinander ein, hilft einander und streitet miteinander. Man w\u00e4chst sich \u201eans Herz\u201c. Der Lehrer (Vater-Lehrer) ist dann in einer solchen Familie die schlichtende und leitende Instanz, wie in einer ganz normalen Familie auch (OK, OK, nat\u00fcrlich ist es heute eigentlich die Mutter, bzw. Ehefrau, aber bleiben wir mal bei der klassischen konfuzianischen Familie).<\/p>\n<p>Wenn man einmal in einer solchen intakten Familie \u201edrin\u201c ist und t\u00e4glich vom Lehrer und den \u00e4lteren Sch\u00fclern korrigiert wird, dann findet nat\u00fcrlich eine ganz ganz andere Art der Wissensvermittlung statt, als wenn man ein oder zwei mal pro Woche \u201ezu Besuch\u201c kommt und mittrainieren will. In einer Stunde, alle paar Tage, kann man einfach nicht das lernen, was die \u201eFamilienmitglieder\u201c lernen, die jeden Tag zwei Stunden trainieren. Was ein \u201eFamilienmitglied\u201c an einem Tag lernt, das lernt das \u201eNichtfamilienmitglied\u201c in einer Woche. In einer Woche lernt der \u201eSch\u00fcler-Sohn\u201c also mehr, als der Andere in zwei Monaten, da der \u201eF\u00e4higkeitentransfer\u201c nicht linear sondern exponentiell ist (bei linear w\u00e4re es nur gut ein Monat).<br \/>\nDer Sch\u00fcler profitiert von der engen Bindung an den Lehrer durch den schnellen Erwerb der k\u00f6rperlichen F\u00e4higkeiten. Damit das jedoch funktioniert muss der Lehrer auch genug Wissen zur Weitergabe haben! Wenn der Lehrer selber nicht aus einer intakten \u201eKampfkunstfamilie\u201c kommt, wo er durch ein solches System unterrichtet wurde (wie sein \u201eVater-Lehrer\u201c zuvor), dann kann er auch nicht das Wissen vermitteln. Wie wir gesehen haben ist einfach viel Zeit n\u00f6tig den \u201eKampfkunstk\u00f6rper\u201c zu entwickeln. Nur dann hat man die Shu-Stufe abgeschlossen.<\/p>\n<p>Wenn man das erreicht hat wird einem der Lehrer die Erlaubnis geben selber Sch\u00fcler zu unterrichten. Es ist so als ob einer der S\u00f6hne jetzt erwachsen geworden ist und selber eine Familie gr\u00fcndet. Aus dem \u201eVater-Lehrer\u201c ist ein \u201eGro\u00dfvater-Lehrer\u201c geworden, aus dem \u201eSch\u00fcler-Sohn\u201c ein \u201eVater-Lehrer\u201c.<\/p>\n<p>Der Sch\u00fcler-Sohn, der mit dem eigenen Unterricht jetzt in die Ha-Stufe eingetreten ist, lebt aber immer noch unter dem Dach des eigenen Vaters, kann ihn fragen wenn er sich mal unsicher ist, kann ihn bitten mal auf seine Kinder aufzupassen.<br \/>\nAls Vater zweier wundervoller Kinder mit meinen eigenen Eltern in derselben Stadt kann ich sagen wie hilfreich das ist! Nat\u00fcrlich erziehe ich meine Kinder nach meinen Vorstellungen und meine Eltern akzeptieren und respektieren das auch, dennoch stehen sie mit Rat und Tat zur Seite und erziehen meine Kinder auch wenn diese bei ihnen sind.<\/p>\n<p>Der \u201eGro\u00dfvater-Lehrer\u201c wird sich also nicht in die Erziehung seiner \u201eEnkel-Sch\u00fcler\u201c einmischen, das ist Aufgabe deren \u201eVater-Lehrers\u201c, aber er wird sie nat\u00fcrlich \u201eerziehen\u201c wenn die Enkel mal bei ihm trainieren.<br \/>\nDer frischgebackene \u201eVater-Lehrer\u201c wird in seine Rolle als Vater hineinwachsen, wird Fehler machen aber sich dennoch immer weiter entwickeln. Kinder sind unglaublich gute Lehrmeister. Da der \u201eGro\u00dfvater-Lehrer\u201c nat\u00fcrlich all das schon gesehen hat und schon eigenen Kinder gro\u00dfgezogen hat, wird der &#8222;Vater-Lehrer&#8220; ihn immer mal wieder fragen und sich Ratschl\u00e4ge holen.<\/p>\n<p>Die Erziehung der eigenen Kinder ist nichts anderes als das Durchwandern der Ha-Stufe. Wenn man einige Kinder erzogen hat, dann wei\u00df man worauf man achten muss, ist ein \u201eerfahrener Vater\u201c. Man hat die \u201eRi-Stufe\u201c erreicht und kann sp\u00e4ter selber seinen Kindern bei der Kindererziehung zur Seite stehen.<\/p>\n<p>Wenn man eigene Kinder hat, wird man rasch feststellen, dass man sich auf einmal fast nur noch mit anderen Familien trifft. Nicht weil man \u201edie Singles\u201c nicht mag, nein, man hat keine gemeinsame Gespr\u00e4chsgrundlage. W\u00e4hrend man selber \u00fcber KiTas, Pampers, Sprachentwicklung, Erziehung redet, reden Leute, die keine Kinder haben, \u00fcber Parties, One-night-Stands, Kinobesuche etc.. Es ist eine ganz andere Welt (sicher man kennt sie auch noch, aber sie ist eben ganz anders).<br \/>\nSo ist es auch mit den Kampfk\u00fcnstlern aus solchen \u201eKampfkunstfamilien\u201c. Man kann sich wunderbar mit anderen \u201eV\u00e4tern\u201c, \u201eGro\u00dfv\u00e4tern\u201c, oder \u201eS\u00f6hnen\u201c austauschen, aber nicht mit Leuten, die keine Familie haben oder aus keiner intakten Familie kommen. Man wird immer aneinander vorbeireden.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens:<br \/>\nKein Vater dieser Welt w\u00fcrde von seinen Kindern verlangen mit \u201ePapa\u201c angeredet zu werden, die Kinder werden das, zumindest in einer intakten Familie, immer aus sich heraus tun, da Papa eben Papa ist, mit allem wof\u00fcr \u201ePapa\u201c eben steht.<\/p>\n<p>In der Kampfkunstfamilie ist es ganz genauso. Der Lehrer ist f\u00fcr die Sch\u00fcler eben der Lehrer und kein Lehrer w\u00fcrde von seinen Sch\u00fclern verlangen mit \u201eVater-Lehrer\u201c (Sifu), oder Sensei (der Zuerstgeborene) angeredet zu werden. Nein, f\u00fcr die Sch\u00fcler ist es ganz klar, dass dort der \u201eVater-Lehrer\u201c steht und so bezeichnen sie ihn also auch.<\/p>\n<p>\u201eSensei\u201c ist kein Titel und auch keine Anrede, es ist eine innere Einstellung des Sch\u00fclers!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuletzt habe ich an dieser Stelle etwas \u00fcber den Lehrer in den Kampfk\u00fcnsten und \u201eShu-Ha-Ri\u201c geschrieben. 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